Einhart Scharpf:
Neue Generationentafeln oder: „…, wollt Ihr ewig leben?“
Im Oktober 2005 stellte Statistik Austria neue Zahlen der Lebenserwartungen offiziell einer staunenden Öffentlichkeit vor.
Ein markantes Beispiel: ein 60 jähriger Mann hatte per 2000 eine Lebenserwartung von 20,0 Jahren, per 2030 wird er eine solche von 23,8 Jahren haben
è eine Steigerung um 19,0 %! Statistik Austria zeigt weiters derzeit (April 2009) für einen 60-jährigen Mann per 2007 eine Lebenserwartung von 21,21 Jahren, was die lineare Entwicklung zusätzlich bestätigt.
Wir, die Betroffenen, staunten - und befürchten seither Schlimmes!
Staunen durften wohl sicher nicht die Architekten der Pensionskassen- Lösungen, mittels derer allein in den Jahren 1998 und 1999 ca. 4 Mrd. € Altersvorsorge- Gelder in Pensionskassen übertragen wurden. Die wussten ja aus ihrer Berufserfahrung - oder erfuhren es durch Experten - um die ständig steigende Lebenserwartung. Die wussten daher auch, dass sich dieses Phänomen permanent in einem für die Betroffenen ungünstigen „technischen Ergebnis“ niederschlagen würde; oder dass man dies alle paar Jahre mit einem „Schub“ versicherungsmathematisch umzusetzen haben werde.
Das Phänomen an sich musste diesen klar sein! Nur die Größenordnung war 1998 und 1999 mit einem Fragezeichen behaftet. Und hätte, das meinen wir, daher Gegenstand von Diskussionen, einer Einschätzung und letztlich einer seriösen Berücksichtigung in den eben zu konstruierenden PK- Lösungen sein müssen!
Nun, ab 2006, schneit uns Betroffenen
- nach Ertrags- Katastrophen 2000, 2001 und 2002,
- nach Entwertung der Mindestertragsgarantie,
- nach MERL mit Selbstfinanzierungs- Charakter,
- nach Schwankungsrückstellung mit Selbstfinanzierungs- Charakter und
- nach nicht mehr nach oben limitierten Verwaltungskosten (ein Damokles- Schwert!)
also eine neue eiskalte Überraschung ins Haus: neue Generationentafeln mit daraus folgernden Pensionskürzungen:
Wie hoch? Ab wann? Abrupt oder scheibchenweise? Was wird die FMA bestimmen? Wie wird man die obigen 19 % bei den Pensionskürzungen bis 2030 verteilen?
Was hörten wir, die Betroffenen, anlässlich der Übertragung, von dieser Gefahr?
è kein Sterbenswörtchen seitens der PK- Werbenden!
Im Gegenteil: Da wurde geworben mit Slogans („Wir haben die neuesten Sterbetafeln berücksichtigt!“), welche die vermeintliche Sicherheit und Seriosität „auch in dieser Beziehung“ herausstreichen sollten.
Suggestion: Die demographische Entwicklung ? Die wird Euch nicht treffen !
Nun kommt sicher der Einwand der Architekten von 1998 und 1999: „Was soll’s, niemand konnte die „prozentuelle Erhöhung der Lebenserwartung“ von 2000 bis zum Jahr 2030 voraussagen!“
Worauf wir nur entgegnen können: „Was soll’s. Es geht nicht ums Wahrsagen, sondern um fundierte Einschätzungen. Genau so, wie es auf der Seite der Veranlagung auch nur Einschätzungen geben kann, wie sich z.B. Aktien und Anleihen in den nächsten 30 Jahren entwickeln werden: Niemand wird bestreiten, dass hier eine Einschätzung, eine Annahme getroffen werden musste. Ohne eine Annahme der künftigen Wert- Entwicklung der Anlage- Kategorien kann überhaupt kein PK- Modell entwickelt werden!
Hier wurde z.B. mehrheitlich die Annahme getroffen, dass auf lange Sicht 7,5 % Netto- Ertrag erwirtschaftet werden könne. Aufgrund dieser Annahme (nicht also eines gesicherten Wissens!) mussten die Vertrags- Parteien PK- Lösungen entwerfen und auf dieser Basis alle versicherungsmathematischen Berechnungen abwickeln!
Die Verhandlungspartner der PK- Lösungen hätten also gemeinsam faire Annahmen über die zu erwartende Dynamik der Lebenserwartung treffen können - und müssen! Die „Rechenmeister“ hätten es spielend umsetzen können.
Nur: Das hätte die Arbeitgeber wesentlich mehr Geld gekostet. Kostengünstiger war es allemal, diese den „Architekten“ bekannte Dynamik als „völlig ungewisse“ Variable hinzustellen, ja überhaupt zu ignorieren und nun, nur 6 Jahre danach, nach Schlagend- Werden des Unvermeidlichen, sich in den Kreis der „Überraschten“ einzureihen…
Wien, im Dezember 2005
Einhart Scharpf